Olaf Nicolai

Escalier du Chant

  1. Uraufführungen
  2. Samir Odeh-Tamimi Léxis
  3. Liza Lim 3 Angels
  4. James Saunders distribution study #9
  5. Georg Katzer Nichts! Nitschewo!
  6. Elliott Sharp Judgement

Georg Katzer Nichts! Nitschewo!

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[English]

Neben Verlusten an den Börsen bringt die Woche bittere Erkenntnisse: Das Finanz­sys­tem ist instabil, die Politiker sind über­fordert, die Investoren ignorant. Selten zuvor hat es eine Woche gegeben, in der der Wohl­stand der Menschheit so rasant dahinge­schmolzen ist. Alle Anleger, selbst ganz konservative, sind ärmer geworden.
Ebenso schmerzhaft ist die Erkenntnis, der sich alle Akteure am Ende einer wahren Horror­woche stellen müssen: Der nach der Banken- und Finanzmarktkrise durch eine Politik des billigen Geldes künstlich befeuerte globale Aufschwung verliert an Kraft – und er hat kaum eines der fundamentalen Pro­bleme gelöst. Die Stabilität des weltweiten Finanzsystems hat sich seit der letzten Krise nicht markant verbessert. Und die Ungleich­gewichte in der Weltwirtschaft sind unverän­dert hoch, ja sogar noch gewachsen.
Schuld daran ist aber nicht allein die Politik. Die Akteure an den Märkten haben selbst viel zu lange darüber hinweg­gesehen, zu wel­chem Preis die stolzen Wachs­tums­zah­len zu­stande gekommen sind. Die Kalku­la­tion, dass eine steigende Wirtschafts­leis­tung die teil­weise überbordende Staats­verschul­dung quasi automatisch finanzieren würde, war von Anfang an eine Milch­mäd­chen­rechnung. Nun sollen die Staatsfinanzen auf einmal kraft­voll konsolidiert werden, und das bitte schön, ohne dass das Wachstum Schaden nimmt. Das ist illusorisch, zumindest kurz­fristig.
Die Sorge vor einer Rezession allein würde die Welt nicht untergehen lassen. Gemeinsam mit der Staatsschuldenkrise allerdings er­gibt sich ein kaum noch zu kalkulierendes Risiko­sze­nario. Gleichzeitig geht der Vorrat an Beru­hi­gungspillen zur Neige. Spielräume für fis­kal­politische Konjunktur­stimulanzien gibt es kaum noch, der Zins­politik fehlt es an wei­te­ren Mitteln, und die realwirtschaftliche Wirk­samkeit zusätzlicher Liquidität seitens der Notenbanken darf getrost bezweifelt werden.
Der Druck auf die europäische Politik steigt. Die Frage lautet: Riskiert man ein Auseinan­der­brechen des Euro oder sucht man sein Heil endgültig in einer Haftungs- und Transfer­union? Der nächste Sondergipfel wird nicht lange auf sich warten lassen.
Thomas Exner, 5. 8. 2011

Statement

Der Zustand der Welt ist nicht verheerend, er ist verheert. Die Weltfinanzwirtschaft taumelt von einer Krise in die nächste. Eine ökolo­gi­sche Katastrophe jagt die andere. In der dritten Welt geschieht Mord durch ungenü­gende Hilfe, die Rüstungsindustrie boomt (Deutschland ist Nummer drei auf dem Welt­markt) und Waffen werden in Krisengebiete exportiert, Ultras unterschiedlicher Couleur terrorisieren die Welt. All das wird begleitet vom abwiegelnden Gerede der Politiker, von uns Volk nur zu gern geglaubt, weil wir eigentlich gar nicht wissen wollen, wenigstens nicht zu genau. Also lauschen wir den Es-wird-schon-nicht-so-schlimm-werden-Reden. »Bis 2014 wird der Haushalt in Deutschland ausgeglichen sein, Afghanistan ist dann ein befriedetes Land, der Euro gerettet, die NPD endlich verboten, die Klimaerwärmung gestoppt«, die Kinder, sie hören es gerne.
Man möchte den Politikern Realitätsverlust bescheinigen oder eine verzweifelte Selbst­schutz-Strategie, aber was bleibt ihnen denn anderes übrig, als Sedativa zu verabreichen, den Patienten ruhig zu stellen?
Es ist nichts! Nitschewo!
Dem Schuldner zieht man das letzte Hemd aus, man nimmt ihm das Tafelsilber, dann soll der Nackte in seine leeren Taschen fassen um zu zahlen. Das ist die Logik der Banken.

Quellen / sources:
welt.de
manager-magazin.de
(Letzter Zugriff / last access: 05. 9. 2011)